Natürliche Färbemittel des 14.–15. Jahrhunderts: belegte Farbtöne und wie sie enstehen
Wie bunt war das Mittelalter wirklich?
Wer heute mittelalterliche Kleidung nacharbeitet, stößt schnell auf zwei Extreme: grelle, moderne Modefarben auf der einen Seite – und die Vorstellung, im Spätmittelalter sei alles braun und weiß gewesen, auf der anderen.
Tatsächlich ist die textile Farbgebung im europäischen Mittelalter weit mehr als weiß und braun und auch nicht nur bloße Dekoration – sie war Ausdruck von Status, Herkunft, Funktion und ästhetischem Ideal. Die Auswahl an Farbstoffquellen und ihre Verwendung in Verbindung mit unterschiedlichen Textilfasern folgte dabei komplexen technologischen, botanischen und sozialen Parametern. In diesem Beitrag beleuchten wir die wichtigsten Pflanzen- und Tierfarbstoffe des 14. und 15. Jahrhunderts sowie ihre Anwendung auf verschiedene Gewebearten unter Beachtung historischer Färbetechniken.
Die Praxis: Welche Färbemittel ergeben welche Töne? Es folgen Pflanzennamen die ich davor auch nicht kannte
Es folgen Pflanzennamen die wir selbst recherchieren mussten! Wir wollten es aber möglichst genau darstellen. Mehr dazu im FAQ.
Blau – Die Kunst der Küpenfärbung mit Waid (Isatis tinctoria)
Waid war über Jahrhunderte hinweg die zentrale indigene Quelle für blaue Farbtöne in Europa. Die Färbung erfolgte mittels einer reduktiven Küpe, da das blaue Farbmolekül, Indigotin, in seiner oxidierten Form nicht wasserlöslich ist. Erst durch mikrobiologische Reduktion entsteht das färbende Leuko-Indigotin, das sich nach dem Ausziehen an der Luft oxidativ wieder in das haltbare Pigment umwandelt.
Insbesondere Wolle erwies sich als ideales Trägermaterial, da sie den reduzierten Farbstoff gut annimmt und die resultierenden Blautöne eine beeindruckende Wasch- und Lichtbeständigkeit aufweisen. Seide, als tierische Faser, nimmt die Farbstoffe ebenfalls in satter Intensität auf. Pflanzliche Fasern wie Leinen, Hanf oder Flachs sind hingegen schwerer zu färben – sie verlangen intensive Vorbehandlungen mit Beizen und eine penible Steuerung der Küpenparameter, um halbwegs gesättigte Blautöne zu erzielen.
Rot – Von Krapplack bis kaiserlichem Scharlach
Rot war im Mittelalter nicht nur eine Farbe – es war eine politische, ökonomische und ikonografische Aussage. Zwei Hauptquellen dominierten das Farbspektrum: Krapp (Rubia tinctorum) und Kermes (Kermes vermilio).
Krapp enthält Alizarin und verwandte Anthrachinone, die – abhängig von Mazeration, Badführung und Beize – ein breites Spektrum von Orange- bis Rubinrot erzeugen. Auf mit Alaun vorbehandelter Wolle entstehen dabei die ikonischen warmen Krapptöne, wie sie aus illuminierten Handschriften und Wandmalereien des Spätmittelalters bekannt sind.
Der farblich wie sozial prestigeträchtige Scharlachton wurde hingegen aus dem kostbaren tierischen Farbstoff Kermes gewonnen – einer Schildlausart, die auf speziellen Mittelmeer-Eichen gedeiht. Besonders feine Wolltuche und Seidengewebe wurden damit behandelt, häufig für Klerus oder Hochadel. Alternativ trat in Osteuropa auch die Polnische Cochenille (Porphyrophora polonica) auf, die tiefrote bis violette Farbtöne ermöglichte. Die aus Amerika stammende Dactylopius coccus (klassische Cochenille) fand erst ab dem 16. Jahrhundert Eingang in den europäischen Farbraum.
Gelb – Färberpflanzen zwischen Alltag und Luxus
Im Bereich der gelben Farbstoffe gab es eine große Vielfalt. Den zuverlässigsten und am weitesten verbreiteten Gelbton lieferte das Färberwau (Reseda luteola) – eine Pflanze mit hohem Luteolingehalt, der klare, helle und äußerst lichtbeständige Gelbtöne erzeugt.
Ginster (Genista tinctoria) und die Färber-Scharte (Serratula tinctoria) lieferten etwas gedecktere, grünlichere Töne, die jedoch in ihrer Authentizität für das Spätmittelalter nicht minder geschätzt wurden. Für edlere Zwecke kam auch der kostbare Safran (Crocus sativus) zum Einsatz, insbesondere auf Seidenstoffen, wo er warme, fast goldene Gelbtöne hervorbrachte – meist in kirchlichen oder höfischen Kontexten.
Zudem wurden auch lichtinstabilere Färbemittel wie Fisettholz (Cotinus coggygria) genutzt. Dieses sogenannte „Junge Fustic“ wurde trotz begrenzter Lichtbeständigkeit eingesetzt, da es eine intensive Farbe mit relativ einfacher Extraktion bot – insbesondere für kurzlebige Kleidungsstücke oder als Unterschicht bei Überfärbungen.
Grün – Komplexe Farbschichtung statt Einzelfärbung
Historisch überlieferte Textilfunde und Färbehandbücher belegen, dass reine Pflanzen für dauerhaft lichtechte Grüntöne kaum geeignet waren. Deshalb etablierte sich die sogenannte Doppelfärbung, bei der ein Textil zunächst mit Waid blau und anschließend mit Wau oder anderen Gelbquellen überfärbt wurde. Die Reihenfolge war essenziell, da die zweite Färbung auf dem bereits vorhandenen Farbton aufbaute.
Diese Technik erforderte Erfahrung, da sowohl die Intensität der Farbbäder als auch die Wechselwirkung der Farbstoffe untereinander zu berücksichtigen waren. Das Ergebnis waren belastbare, tiefe Grüntöne, wie sie vor allem für wohlhabende Stände repräsentativ waren.
Violett & Purpur – Zwischen Luxus und experimenteller Mischung
Während der berühmte Tyrianische Purpur (Murex-Schnecke) im europäischen Hoch- und Spätmittelalter keine nennenswerte Rolle mehr spielte, kamen Mischfärbungen aus Waid und Krapp oder Kermes zum Einsatz, um violette Farbtöne zu erzeugen.
Zudem wurden Flechtenfarbstoffe wie Orseille (Roccella-Arten) verwendet, welche Purpur- und Violetttöne ergaben – optisch beeindruckend, jedoch chemisch instabil gegenüber Licht. Solche Farbtöne waren insbesondere für repräsentative, aber kurzlebigere Kleidungsstücke geeignet. Auch hier war technisches Know-how gefragt, um die vergänglichen Töne bestmöglich zur Geltung zu bringen.
Schwarz & Grau – Das Spiel mit Eisen und Tannin
Ein tiefes, dauerhaftes Schwarz galt im Mittelalter als Zeichen von Reife, Ernsthaftigkeit und spiritueller Würde – aber es war technisch anspruchsvoll herzustellen. Die Kombination von Tanninen (z. B. aus Galläpfeln, Sumach, Eichenrinde) mit Eisensalzen führte zur Ausbildung von Eisen-Gallus-Komplexen, die stabile dunkle Farbtöne erzeugten.
Ein übliches Verfahren bestand darin, einen Stoff zuerst in braunen oder blauen Färbebädern vorzubehandeln und anschließend mit Eisenbeize zu schwärzen. Das Ergebnis war ein sattes, tiefes Schwarz – allerdings mit dem Nachteil, dass Eisen die Fasern spröde machen konnte.
Durch Variation der Ausgangsfarben in Kombination mit Eisenbeizen ließen sich auch Grautöne und Olivschattierungen erzielen – besonders beliebt für einfache Bekleidungsschichten oder Uniformteile.
Braun & Erdtöne – Farbvielfalt aus der Natur
Für erdige, naturhafte Töne nutzte man vor allem Walnussschalen (Juglans regia), Erlenrinde und Eichenrinde. Diese Pflanzenteile sind reich an Tanninen, die sowohl färbend als auch als Beize wirksam sind – insbesondere auf zellulosischen Fasern wie Leinen, Hanf oder Flachs, die durch andere Farbstoffe schwerer zu färben sind.
Je nach Konzentration, Beizverfahren und Fasertyp lassen sich helle Kastanienbrauns bis hin zu dunklen, fast schwarzen Brauntönen erzeugen. Insbesondere Eiche war ein Standardmittel der ländlichen Färberei, da sie regional verfügbar und vielseitig einsetzbar war.
Faser- und Beizenwissen im historischen Kontext
Die Interaktion von Faserstruktur, Vorbehandlung und Beizmittel bildet das Fundament erfolgreicher Naturfärbung im Spätmittelalter. Die jeweiligen physikalischen und chemischen Eigenschaften der verwendeten Textilfasern bestimmten maßgeblich, wie intensiv, beständig und nuanciert ein Farbstoff aufgenommen werden konnte.
Wolle, als Protein- oder Tierfaser, gilt dabei als bevorzugtes Substrat. Sie nimmt Alaunbeizen (Kaliumaluminiumsulfat) besonders gut an und liefert, abhängig von Färbepflanze und Prozessführung, tiefe, gesättigte und langlebige Farbtöne. Auch Seide reagiert ausgezeichnet auf Alaun, neigt jedoch zu feinerer Farbdifferenzierung, weshalb hier die Badführung (Temperatur, pH, Beizzeit) besonders präzise abgestimmt sein muss.
Pflanzliche Bastfasern wie Leinen (Linum usitatissimum) und Hanf (Cannabis sativa) galten als notorisch färbehemmend. Ihre zellulosische Struktur weist eine geringere Affinität zu vielen Naturfarbstoffen auf. Erst durch aufwändige Vorbehandlungen – etwa das sog. „Entbasten“ (mechanisch oder enzymatisch), teilweise ergänzt durch einen gezielten Pektinabbau – sowie intensive Beizprozesse lassen sich brauchbare Färbeergebnisse erzielen. Dennoch bleibt die Brillanz hinter tierischen Fasern zurück.
Chemie der Beizen
Als universelle Beize galt im Spätmittelalter Alaun, dessen Aluminiumionen stabile Farbstoff-Komplexe ermöglichen. Daneben wurden metallische Salze gezielt eingesetzt, um Farbtöne zu modulieren:
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Eisensalze („Eisen-II-sulfat“) wirken stark sättigend und „dämpfen“ Töne ins Graubraune – dieser Effekt wird in der Literatur als saddening beschrieben.
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Kupferbeizen intensivieren gelbe oder rötliche Farbtöne zu olivgrünen Nuancen – insbesondere bei Gelbfärbungen mit Reseda oder Ginster.
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Zinnsalze (Zinnchlorid) wurden vor allem in spezialisierten Zentren wie Florenz oder Köln zur Brillanzsteigerung roter Farbtöne verwendet – insbesondere auf Seide. Aufgrund ihrer Reaktivität erforderten sie große Sorgfalt in der Anwendung.
Archäologische & schriftliche Belege
Die historische Färbepraxis lässt sich nicht nur über Rezeptliteratur rekonstruieren, sondern auch durch archäometrische Analysen textiler Funde bestätigen. Wiederholt wurden in spätmittelalterlichen Stoffproben die Farbstoffe Indigotin (aus Waid), Alizarin und Purpurin (aus Krapp) sowie Luteolin (aus Wau) identifiziert. Der Import von Kermes wird in Rechnungsbüchern und Zollaufzeichnungen detailliert dokumentiert. Zudem belegen Handelsrouten die gezielte Verbindung zwischen Anbaugebieten für Waid und Wau und den bedeutenden Tuchzentren nördlich der Alpen.
Solche interdisziplinären Querverbindungen – zwischen Textilarchäologie, Farbstoffchemie und Wirtschaftsgeschichte – erlauben heute eine erstaunlich präzise Rekonstruktion der Farbpalette, wie sie im 14. und 15. Jahrhundert üblich war.
FAQ – Keine Sorge wir haben natürlich für euch recherchiert!
Sehr haltbar, wenn Beize und Färbeführung stimmen. Waid- und Wau-Färbungen gelten als besonders lichtecht. Empfindlicher sind Violetttöne aus Flechten (Orseille), Saflorrosa und manche mit Eisen „geschwärzten“ Farben, die zudem die Faser belasten können.
Waid ist eine unscheinbare Pflanze mit kleinen gelben Blüten, die früher in ganz Europa angebaut wurde – besonders in Thüringen, Sachsen und Frankreich. Aus ihren Blättern gewinnt man den berühmten blauen Farbstoff, den man durch ein spezielles Gärverfahren freisetzt. Waid war im Mittelalter die wichtigste Quelle für haltbare Blautöne, vor allem auf Wolle.
Krapp ist eine Wurzelpflanze mit dünnen, roten Wurzeln. Sie wurde seit der Antike in ganz Europa angebaut. Beim Färben entsteht daraus ein intensives Rot, das – je nach Technik – auch ins Orange oder Weinrot gehen kann. Ideal für Wolle, beliebt bei Adel und Stadtbevölkerung.
Kermes ist kein Pflänzchen, sondern ein tierischer Farbstoff – er stammt aus winzigen Schildläusen, die auf speziellen Eichenarten im Mittelmeerraum leben. Die Läuse wurden gesammelt, getrocknet und zu Pulver verarbeitet. Das Ergebnis: ein kräftiger, leuchtender Scharlachton – sehr teuer und damals ein echtes Statussymbol.
Diese rote Farbe stammt ebenfalls aus kleinen Läusen – allerdings aus Osteuropa. Die „Polnische Cochenille“ war eine regionale Variante von Kermes und wurde für dunkelrote bis violette Töne verwendet. Auch diese Farbe galt als kostbar, aber war etwas breiter verfügbar.
Färberwau ist eine gelb blühende Pflanze, die im Mittelalter auf Feldern angebaut wurde – ähnlich wie Getreide. Aus ihren Blättern gewann man ein intensives, helles Gelb, das besonders lichtecht war, also kaum ausbleichte. Ideal für Überfärbungen (z. B. Grün) und besonders beliebt in der Wollfärberei.
Ginster wächst als niedriger Busch mit knallgelben Blüten, oft am Wegesrand. Seine Zweige und Blätter wurden fürs Färben genutzt. Die Farbe? Ein gedecktes, leicht grünliches Gelb – nicht so strahlend wie Wau, aber natürlich und vielseitig einsetzbar.
Safran kennt man heute als teures Gewürz – aber früher wurde es auch zum Färben edler Stoffe verwendet. Die roten Narben der Krokusblüte wurden dafür in Wasser gelöst. Safran ergab ein warmes, leuchtendes Goldgelb, das vor allem auf Seide traumhaft aussah. Luxus pur!
Diese Pflanzen liefern intensive Gelb- bis Brauntöne. Fisettholz wurde als Holzstückchen importiert, der Perückenstrauch wächst auch in Europa. Die Farben sind kräftig, aber weniger lichtstabil, d. h. sie können mit der Zeit ausbleichen.
Flechten wachsen auf Steinen oder alten Mauern. Aus bestimmten Arten kann man violette bis purpurne Farbtöne gewinnen – wenn man weiß, wie. Diese Farben sehen toll aus, sind aber lichtempfindlich und eher für feine, repräsentative Kleidung geeignet.
Die Schalen der grünen Walnüsse enthalten viele natürliche Braunfarbstoffe. Sie lassen sich direkt auskochen und färben Stoffe in nussigen bis tiefbraunen Tönen. Einfach in der Anwendung und ideal für natürliche Looks.
Eichenrinde und Galläpfel (kleine Auswüchse an Eichen, die durch Insekten entstehen) enthalten viele Tannine. Die nutzt man entweder zum Färben selbst oder als Beize, um andere Farben haltbarer zu machen – vor allem auf Leinen und Hanf.
Alaun ist ein natürliches Mineralsalz – früher wurde es in Steinbrüchen gewonnen oder importiert. Beim Färben hilft es, den Farbstoff dauerhaft am Stoff zu binden. Ohne Alaun würde die Farbe beim Waschen oder Sonnenlicht schnell verblassen.
Eisenbeize besteht meist aus Rost oder Eisensulfat, das mit Wasser angesetzt wird. Sie verändert Farben: Aus Gelb wird Oliv, aus Blau wird fast Schwarz. Aber Achtung: Eisen kann den Stoff mit der Zeit spröde machen.
Kupferbeize war etwas seltener, aber sehr effektiv. Sie lässt Farben dunkler und „erdiger“ wirken – ideal für grünliche Töne. Bei empfindlichen Stoffen sollte man aber vorsichtig sein.
Zinn war teuer, wurde aber gezielt eingesetzt, um z. B. Rottöne auf Seide besonders leuchten zu lassen. Diese Technik war aufwendig und eher etwas für spezialisierte Färber.


